Valie Export – Die Doppelgängerin, 2010
Valie Export
* 1940 in Linz
Lebt und arbeitet in Wien
Die Doppelgängerin, 2010
Bronze
460 × 200 × 200 cm
Leigabe: Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Milan · Seoul
Eigentlich hieß die 1940 in Österreich geborene feministische Medienkünstlerin VALIE EXPORT einmal Waltraud Lehner. Doch 1967 vollzog sie einen radikalen Bruch. Sie legte den Namen ihres Vaters und den ihres Mannes ab, von dem sie sich bereits 1960 getrennt hatte. Zugleich stand der neue Name für ihren Auftritt in der Kunstszene. Er entstand, als sie eine Schachtel österreichischer Smart-Export-Zigaretten mit VALIE, ihrem selbstgewählten Namen aus der Jugendzeit, überklebte und die Weltkugel in der Mitte der Packung durch ein Porträtfoto ersetzte. Sie verwandelte sich damit demonstrativ in eine Art Marke, deshalb wird VALIE EXPORT auch immer in Versalien geschrieben. Die collagierte Zigarettenpackung ist heute in der Sammlung des New Yorker MoMA.
Das Schneiden, Collagieren, Montieren sollte ein ganz wesentlicher Teil von VALIE EXPORTs künstlerischer Laufbahn werden, genauso wie die Performance. Dabei wird die Schere zum „virtuellen“ Instrument in ihrer Praxis. Das symbolisiert auch ihre Skulptur Die Doppelgängerin. Zwei gigantische Scheren, verschränkt zu einer ebenso grazilen wie bedrohlichen, weiblich anmutenden Figur: Die über vier Meter hohe Arbeit löst die unterschiedlichsten Assoziationen aus. Traditionell wird die Schere mit Nähen, Schneidern, den Sphären des „Femininen“ verbunden, aber auch mit männlichen Kastrationsängsten und „weiblich“ konnotierter Gewalt. Zugleich erinnert die Doppelschere an zwei Tänzerinnen, ein Scherenballett.
VALIE EXPORT, die vor ihrer Künstlerlaufbahn Design studiert und als Filmeditorin gearbeitet hatte, wurde durch ihre radikalen feministischen Performances und Filme schnell berühmt, besonders durch die Aktion Tapp- und Tastkino (1968). EXPORT, geschminkt und mit lockiger Perücke, trug über ihren nackten Brüsten einen Kasten mit zwei Öffnungen. Der restliche Oberkörper war mit einer Strickjacke bedeckt. Schaulustige wurden aufgefordert, ihre Hände in die Öffnungen zu stecken und EXPORTs Busen zu „betasten“ oder zu begrapschen.
Das war eine Provokation gegen Sexismus und Gewalt, aber auch eine exemplarische Aktion des „Expanded Cinema“ in der 1960er- und 1970er-Jahre. Dieses „erweiterte“, experimentelle Kino wollte sich nicht mehr auf die Leinwand beschränken, sondern arbeitete mit Mehrfachprojektionen, Lightshows oder auch Multimedia-Aktionen, in denen Film, Dia, Videoprojektionen mit realen Aktionen, Theater, Tanz verbunden werden. Das reichte bis zu Performances wie dieser, die ohne Film auskamen.
Der Schnitt als Aktion hat im Werk von VALIE EXPORT verschiedene Bedeutungen – den Ausdruck von Aggression, aber auch von Erweiterung. Der Schnitt sei für sie ein ganz wichtiges Element, so EXPORT: „Einerseits trennt er, andererseits bringt er auch zusammen. Er bringt die Teile immer wieder in eine Verdoppelung. Ich kann aus einem Gedanken durch meine Schnitte im Kopf viele andere kleine Teile machen, die genauso selbstständige Gedanken sind und sich genauso wieder weiter fortsetzen und einen ganzen Berg von Gedanken ergeben können.“