Thuy Tien Nguyen – Slicky slide for super strong spine, 2023
Thuy Tien Nguyen
* 1993 in Hanoi
Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Hanoi
Slicky slide for super strong spine (or on looking at chronological back pain), 2023
Edelstahl, Memory-Schaum, transparentes Garn
240 × 45 × 100 cm
Leihgabe der Künstlerin
„Slicky Slide“ – das lässt sich als „glitschige Rutsche“ übersetzen –, die die vietnamesische Künstlerin Thuy Tien Nguyen, wenn man dem Titel ihrer Skulptur glauben will, für eine superstarke Wirbelsäule gebaut hat. Dann folgt eine Art Untertitel: „oder über die Betrachtung chronischer Rückenschmerzen“. Die Skulptur entstand anlässlich des Rundgangs an der Frankfurter Städelschule 2023, wo sie 2018 begann, bei der südkoreanischen Installationskünstlerin Haegue Yang zu studieren.
Nguyen, der 2025 der Young Generation Art Award verliehen wurde, arbeitete vor der Abschlussprüfung in der Mensa der Kunstakademie. Die Eindrücke, die Nguyen hier sammelte, prägten auch die Arbeit an den Skulpturen, die sie zum Rundgang im Garten, in der Küche und in ihrem Studio in der Städelschule präsentierte und von denen sie viele quasi in ihre unmittelbare Umgebung, in den Alltag, einbaute.
Thuy Tien Nguyen interessiert sich dafür, wie bildhauerische Materialien auf äußere Einflüsse wie Hitze, Kälte, Feuchtigkeit oder Druck reagieren und wie sich Erinnerungen im Material ausdrücken oder auch physisch einschreiben.
Ein wichtiges Material für Nguyen ist zum Beispiel brauner Zucker, wie bei Gentle Integrity (2022), einer auf Plexiglas minimalistisch und klar installierten Zuckerstab-Skulptur, die nach dem Vorbild der in ihrer Heimat Nordvietnam weit verbreiteten gedrechselten Holzstühle geformt ist. 2022 zeigte Nguyen noch als Mitglied des unabhängigen vietnamesischen Nhà Sàn Collective die Skulptur auf der documenta 15 in Kassel.
Der Zucker ist mit Kindheitserinnerungen an die traditionelle vietnamesische Limettenlimonade und an die Zeit mit der Großmutter verbunden, die ihrer Enkelin in schillernden Farben erzählte, wie die große, weite Welt aussieht. „Am Ende ihres Lebens reiste sie nur noch von einem Stuhl zum anderen“, sagt Nguyen, „und tatsächlich war sie nie im Westen gewesen.“ Die Skulptur verkörpert ein fehlendes Stuhlbein, ist also eine Art Prothese oder Gedächtnisstütze, die jedoch bei warmer Raumtemperatur wieder schmilzt. Dabei geht es Nguyen auch um die Frage, wie persönliche und kollektive Erinnerungen im Laufe der Zeit verzerrt, übersetzt oder rekonstruiert werden.
Ähnlich funktioniert ihre 2023 entstandene Skulptur, die jetzt in Bingen zu sehen ist. Wie auch am Rhein installierte Nguyen sie damals in Frankfurt im Garten der Akademie an einem Baum. Der Baum vermittelt Verwurzelung und Standfestigkeit, doch die „Rutsche“, die die Krümmung einer Wirbelsäule oder vielleicht einer therapeutischen Bank aufnehmen könnte, schwebt frei und irgendwie fragil in der Luft, ohne den Boden zu berühren, ohne wirklich Halt oder Widerstand zu erzeugen. Auch sie hat etwas von einer Prothese und vermittelt zugleich Anspannung und Erschöpfung. Das Material auf dem Stahlrahmen ist Memory-Schaum, der auch für besonders rückenfreundliche Betten verwendet wird. Es besitzt thermoelastische Eigenschaften, wird durch Körperwärme und Druck weicher und passt sich den Konturen eines Körpers so gut an wie kaum ein anderes Material.
Inspiriert ist die Skulptur von den chronischen Rückenschmerzen, die in der Mensaküche, in jeder Kantine oder Restaurantküche durch das lange Stehen und Heben, durch die körperlich anstrengende Arbeit entstehen können, und unter den auch denen auch die Künstlerin litt. Alle, die einmal in der Gastronomie gearbeitet haben, kennen sie. Schon 2022 entstand eine andere Skulptur aus Memory-Schaum, die ebenfalls mit der Vorstellung von Stütze und Anleitung verbunden ist: In the manner of speaking (me and grandma and you are both tired), eine Reihe von an Alu-Haltern installierten Treppengeländern, die etwas wabbelig und gewellt, fast tragikomisch herabhängen und ebenfalls keinen Halt bieten.
Zugleich spürt man in dieser Arbeit die heitere Energie eines mäandernden, vertrauten Gesprächs, das die Großmutter und ihre Enkelin trotz Erschöpfung miteinander führen. Auch Slicky slide for super strong spine hat etwas von dieser anarchischen Widerstandsfähigkeit, die soft und ironisch ist, aber dem Alter, den Schmerzen, Trennungen und schwierigen Arbeitsbedingungen oder der Erschöpfung trotzt. In diesem Sinne könnte man diese Rutschenskulptur auch als Hommage an alle verstehen, die in Küchen, Krankenhäusern, Fabrikhallen oder Supermärkten stundenlang stehen und hart arbeiten müssen.