Thomas Judisch – Brot und Spiele, 2026 und too many birds #16, 2026

Brot und Spiele, 2026
© Thomas Judisch; Foto: David von Becker

Thomas Judisch

* 1981 in Waren / Müritz
Lebt und arbeitet in Dresden und Schleswig-Holstein

Brot und Spiele, 2026

Sandstein
30 × 245 × 160 cm
Die Arbeit wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Eva Leinemann Kunststiftung.

too many birds #16, 2026

Too many birds #16, 2026
Vogelattrappen (Kunststoff), Kabelbinder
Maße variabel

Leihgaben des Künstlers

Von einer „Hochstapelei der kleinen Dinge“ sprach der Künstler und Dichter Arne Rautenberg im Zusammenhang mit Thomas Judischs Werk. Tatsächlich spielt Judisch mit der Polarität von High und Low, von Hochkultur und Alltag, und hinterfragt in seiner Kunst, was eigentlich wertgehalten wird, was bewahrt, konserviert oder im Museum als Teil von Geschichte und Kultur ausgestellt wird – und welche kleinen Dinge, Lebenszeichen, flüchtigen Phänomene, Spuren von Ereignissen und Wahrnehmungen einfach aus dem persönlichen oder kollektiven Gedächtnis verschwinden, ohne eines weiteren Blickes gewürdigt zu werden.

Judischs Begriff von Skulptur ist dialektisch. So beschäftigt er sich in seiner Serie Heute war Gestern seit 2014 mit berühmten Skulpturen der griechischen und römischen Antike, zum Beispiel der Kapitolinischen Venus (96–192 n. Chr.) oder der Venus Medici (1. Jahrhundert v. Chr.), die heute in den Uffizien in Florenz ausgestellt wird. Doch Judisch konzentriert sich in seinen superrealistischen Nachinterpretationen nicht auf die Körperplastik, sondern ausschließlich auf jene Teilformen, die die Figur halten und stützen: den Sockel, gekappte Baumstämme oder Vasen, um die Stoffe drapiert sind. Bei Judisch ist, wie er sagt, „die Figur weggeschält, um die Wahrnehmung auf das zu lenken, was bleibt, wenn der Protagonist aus Anlass einer bildhauerischen Idee verschwindet“. Man blickt also nur auf eine einsame Vase oder ein Geäst. Das „dekorative Beiwerk“, das substanziell für die Statik der Skulptur ist, aber häufig gar nicht wahrgenommen wird, spielt hier die Hauptrolle.

Während Judisch also Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte ausblendet, gibt er den kleinen, ephemeren Dingen einen großen Auftritt. Eine wie von Kindern aus Eicheln und Kastanien gebastelte Figur wird in Bronze gegossen, so auch Einweggeschirr und To-Go-Becher, die sich zu kleinen Denkmälern des Alltags manifestieren, Kartonreste liegen wie Laub neben Müllsäcken aus Buntglas in einer Raumecke und Eiszapfen schimmern ebenfalls aus Glas im Sommer an einer Regenrinne. Für seine Installation „Meine hundert besten Freunde“ (2020) platzierte er Sektgläser aus transparentem Gel-Wachs, teilweise halbgefüllt und mit Lippenstift versehen, auf drei mit Hussen bezogenen Stehtischen, als sei die ganze Gesellschaft aufgebrochen und hätte alles stehen und liegen lassen.

Seine Arbeit für Bingen hat eine längere Vorgeschichte: In der Serie Für die Idee begann Judisch bereits 2007 mit der Verarbeitung von Titelschildern aus Museen, die er seitdem sammelt, verfremdet, transformiert, skaliert und wieder zurück in musealen Kontext führt. Daraus entstand in jüngster Vergangenheit die Serie Hotel Mama: Leinwandbilder, auf die er vorgefundene Notizen von Einkaufslisten oder To-Do-Zetteln mit lichtbeständiger Tinte übertrug – Dinge wie „Butter, Olivenöl, Salat“, „So. Friedhof gießen, Cranberrys, Toilettenpapier“ oder einfach „Danke!“. Diese Schriftbilder lassen sich wie kleine Stillleben verstehen, als Mini-Alltagsdramen oder als Porträts abwesender Personen. 2025 ließ Judisch gefundene Einkaufszettel auf handgeknüpfte Wandteppiche aus Wolle übertragen. In Bingen wird das Ganze nun in schweren Sandstein gemeißelt zu sehen sein – in einen Stein, der das typische Notizzettel-Format hat und enorm vergrößert aussieht, als wäre eine steinerne Einkaufsliste vom Himmel ins Gras gefallen, vielleicht einem Riesen aus der Hosentasche. Die Nähe zum Grabstein verleiht der Skulptur einen ambivalenten Unterton: eine Botschaft, die ihren Verfasser oder ihre Verfasserin wahrscheinlich überlebt und als Kunst von Vergänglichkeit, der Banalität des Lebens, aber auch von der Einmaligkeit jedes Augenblicks erzählt.

too many birds #16, 2026
© Thomas Judisch; Foto: David von Becker