Sasha Kurmaz – Temple of Transfiguration of the Lord, 2026
Sasha Kurmaz
* 1986 in Kyjiw
Lebt und arbeitet in Kyjiw
Temple of Transfiguration of the Lord, 2026
Installation, Mixed-Media
270 x 220 x 340 cm
Leihgabe des Künstlers. In Kooperation mit der Artist Residency Schloss Balmoral, Bad Ems
„Transfiguration“ (von lateinisch transfiguratio, „Umgestaltung“) bezeichnet die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor in Galiläa, bei der sich Jesus vor seinen Jüngern, gemeinsam mit Moses und Elija, in göttlichem Licht zeigte, während eine Stimme vom Himmel ihn als Gottes Sohn verkündete. Der Begriff steht für eine tiefgreifende Wandlung, Verklärung oder den Übergang in einen höheren, strahlenden Zustand. Zugleich ist „Die Verklärung des Herrn“ ein zentrales Fest in der Orthodoxen Kirche, das am 6. August gefeiert wird.
Doch die Skulptur The Temple of Transfiguration of the Lord des ukrainischen Künstlers Sasha Kurmaz hat eine noch ganz andere Bedeutung. Die Arbeit thematisiert durch die Umdeutung eines einfachen Bauwagens als Tempel, die Praxis orthodoxer Geistlicher, öffentlichen Raum zu beschlagnahmen und Garagen, Zisternen oder andere Gebäude zweckzuentfremden und in Kirchen und Kapellen umzuwandeln, was im postsowjetischen Raum stark verbreitet ist.
Kurmaz geht es ganz dezidiert um die Aktivitäten der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine, einem Zweig der Russisch-Orthodoxen Kirche, der in weiten Teilen die russische Invasion der Ukraine unterstützt. So segnete ein Priester der Kirche die russische Armee während der Besetzung der Oblast Charkiw. Die Kirche ist Teil eines hybriden Informations- und Propagandakrieges, in dem sich Religion und neoimperiale Ideologie untrennbar miteinander verbunden sind und der darauf abzielt, die soziopolitische Situation in der Ukraine zu beeinflussen und die Armee aktiv bei der Besetzung zu unterstützen. „Die Russisch-Orthodoxe Kirche predigt nicht einfach nur den Glauben – sie schult die Loyalität gegenüber dem Kreml“, sagt Kurmaz. „Dieser Ansatz hat maßgeblich zur Förderung separatistischer Ideologien beigetragen, vor allem im Osten und Süden der Ukraine.“
Der transportable Tempel mit kleiner Goldkuppel und orthodoxem Kreuz, der 2022 in seiner Ursprungsversion vor der Berliner Akademie der Künste realisiert wurde, soll auch in Bingen irritieren. Regeln außer Kraft setzen, Irritationen hervorrufen, Alltägliches sichtbar machen, unerwartete Interventionen im öffentlichen Raum – all das gehört zur Strategie von Kurmaz, der als Fotograf international bekannt wurde, aber seine Laufbahn mit Graffiti und Street Art begann. „Ich interessiere mich vor allem für das Innere des Menschen und seine sozialen Ausdrucksformen in der modernen postsowjetischen Gesellschaft“, sagt der Künstler, der mit seiner Fotoserie Wasted Youth zwischen 2009 und 2019 ein intimes, desillusioniertes Langzeitprojekt der alternativen ukrainischen Jugend- und LGBTQ-Szene ablieferte, voller hartem, prekärem Realismus, expliziter Sexualität und gezeichnet von sozialer Unruhe und der russischen Annexion der Krim.
Ansicht von innen
Kurmaz engagiert sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Aktivist gegen den Krieg. „Die fotografischen Situationen und illegalen Interventionen des ukrainischen Künstlers sind der Sand im Getriebe. Sie hinterfragen Gewohnheiten und eröffnen neue kulturelle und soziale Freiräume. Seine Haltung ist Guerilla oder Punk – autonom, spielerisch, grenzverletzend, radikal“, schrieb Ann-Christin Bertrand, die 2016 seine Ausstellung im C/O Berlin kuratierte. „Für ihn ist Fotografie nicht nur ein Instrument, um das Leben widerzuspiegeln und zu erklären, sondern vielmehr, um das Potenzial der Kunst auszuschöpfen und damit unser Verständnis von Gesellschaft zu verändern.“ Und damit ist auch die ukrainische Gesellschaft gemeint. Kurmaz selbst nennt das „Daily Practices“, tägliche Routinen, in denen der Begriff der Fotografie radikal erweitert ist: Er steckt seine teils explizit sexuellen Bilder zwischen die Seiten von Büchern in Buchhandlungen, ersetzt Werbe-Displays durch Bilder von Obdachlosen, steckt Fremden unbemerkt Abzüge in die Jackentasche, montiert pornografische Bilder vor Überwachungskameras.
Dabei entwickelt er eine künstlerische Sprache, die roh, poetisch, ungefiltert ist, die Menschen direkt treffen will, wie ein Faustschlag. Seine letzte Ausstellung in Deutschland, Contemplating the Empathy of Others (2025) im Künstlerhaus Lauenburg, ist eine Art Kriegstagebuch. Der Titel spielt auf einen 2003 erschienenen Essayband der berühmten US-Kritikerin Susan Sontag an, Regarding the Pain of Others (dt. Das Leiden anderer betrachten), in dem sie sich mit dem Horror und der Wirkung von Kriegsfotografie auseinandersetzt. Kurmaz zeigt Bilder der Zerstörung: ausgebrannte Gebäude, Schäden von Raketeneinschlägen, Bombenkrater, Schutt, Kabel, aufgerissene Erde. Und Tote, einzeln und in Gruppen, aufeinandergehäuft, zerstückelt – die fragmentierten Körper, die das Fernsehen nicht zeigt. Sontag fragt in ihrem Essay: „Was löst der Anblick von leidenden Menschen im Betrachter aus?“ Kurmaz fragt andersherum, nach über 1000 Tagen Krieg, aus der Perspektive der Opfer: „Wie lange reicht noch euer Mitgefühl mit uns?“
Sasha Kurmaz war 2025 im Rahmen der Initiative Artist at Risk Stipendiat der Artist Residency Schloß Balmoral in Bad Ems. Die Skulpturen-Triennale Bingen kooperiert mit der renommierten Rheinland-Pfälzischen Residenz, dessen Trägerin die Kunsthochschule Mainz ist.