Michael Sailstorfer – Brenner R04, 2026

Michael Sailstorfer

* 1979 in Velden (Niederbayern)
Lebt und arbeitet in Berlin

Brenner R04, 2026

Aluminium, Eisen, Farbe,
Höhe 600 cm, ø 80 cm

Leihgabe des Künstlers

Michael Sailstorfers Interesse gilt vorgefundenen Materialien, industriell gefertigten Dingen, großen oder kleinen, oft alltäglichen Sachen, die er zerlegt, auseinandernimmt, umbaut, deplatziert, umdeutet, sie „umwidmet“, wie es Max Hollein, der heutige Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, einmal schrieb. „Es ist oft ein Jonglieren mit alltäglichen Dingen und dem Grundvokabular, mit dem ich mich beschäftige. Und dann entstehen meistens Bilder, die ich schließlich als Skulpturen umsetze“, sagt Sailstorfer etwas lakonisch über seine Arbeit. Denn tatsächlich berührt sie voller schwarzem Humor und Poesie politische und gesellschaftliche Themen und stellt zugleich existentielle Fragen über die Dinge des Lebens.

Oft thematisieren seine Arbeiten das Scheitern von Utopien, Ideologien, Fortschrittsglauben. All das wird von Sailstorfer ad absurdum geführt, wie in seiner wohl bekanntesten Werkgruppe Zeit ist keine Autobahn: ein Autoreifen, der endlos gegen eine Galeriewand schleift, oder in einer Maschine, die unaufhörlich Popcorn produziert und ausgibt, sowie in den Fenstern eines Raumes, die durch hochfrequente Geräusche zerborsten sind.

MICHAEL SAILSTORFER – BRENNER R04, 2026
Brenner R04, 2026
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Fotos: David von Becker

Sailstorfers sechs Meter hoher Brenner R04 der zwar an eine Bombe oder Rakete erinnert, aber der Abwurftank eines Militärflugzeugs ist, wurde von ihm mit hitzebeständiger, mattschwarzer Farbe beschichtet und zum riesigen Holzofen umfunktioniert. Die sehr grafische Form, die entsteht, lässt an Aufrüstung und die Zeiten des Kalten Kriegs denken, die heute unter neuen Vorzeichen wiederkehren. Doch in Sailstorfers Version hat die Skulptur keine Energie mehr, weder für den Antrieb von Flugzeugen noch für Bombardierungen, sondern ist eine kalte Hülle, der ganz primitiv und häuslich mit ein paar Scheiten Holz und etwas Ironie Hitze zugeführt wird.

Seit 2017 entstehen mehrere Skulpturen in Form eines Brenners: In der Berliner Galerie König entwickelt Sailstorfer im selben Jahr für die Ausstellung Hitzefrei eine Installation, die wie eine Fertigungsstraße der Automobilindustrie wirkt. Doch es handelt sich um ausgeschlachtete, mattschwarz lackierte Karosserien, in deren Motorraum ein Holzofen eingebaut wurde. Absurd lange Schornsteine ragen aus den Autos, hoch bis zur meterhohen Decke der ehemaligen Betonkirche, die zur Galerie umfunktioniert wurde. Ebenfalls 2017 entsteht Ofen Mailand, für die ein ausgeschlachteter VW-Van und eine Vespa-Karosserie in Holzöfen umfunktioniert wurden. Und wie die „Rakete“ und die Autos verbreiten sie nicht nur angenehme Hitze, es riecht tatsächlich nach Holz und Feuer. Sailstorfers Skulpturen haben immer auch eine sinnliche, soziale Qualität und entwickeln surreal, ironisch anmutende Gegenmodelle zu den bestehenden Verhältnissen. Die kriegerische Energie des Raketenantriebs wird durch das offene Feuer gebrochen. Die Autos, die Mobilität verkörpern, bleiben stehen, werden häuslich, heimelig.

Doch vielleicht sprechen diese Skulpturen von fehlenden Visionen einer spätkapitalistischen Konsumgesellschaft, die weiter an fossilen Brennstoffen, Aufrüstung, ständiger individueller Mobilität festhält, ihre Emissionen nicht regulieren kann oder will. Na super, hitzefrei. Der Qualm, der aus den absurden Schornsteinen quillt, wirkt wie der tragikomische Abgesang auf rauchende Industrieschornsteine. Sailstorfers Konstruktionen haben etwas Improvisiertes, Prekäres; man ahnt, dass die Story von ökonomischer und politischer Stärke nicht so richtig gut ausgegangen ist. Zwei Jahre bevor mit den „Fridays for Future“ der Klimaprotest zur Massenbewegung wird, schafft er skulpturale Bilder, die das Thema nicht illustrieren, sondern durch bildhauerische Formen im Raum erfahrbar machen, ohne eine klare Antwort oder Katharsis zu bieten. Eher einen erstaunlichen Pragmatismus. Wenn die alte Welt untergegangen und noch keine neue da ist, kann man sich hier wenigstens aufwärmen und vielleicht sogar grillen.