Menno Fahl – Straßenfeger, Stadtvogel und Krallenbüste, 2025
Menno Fahl
* 1967 in Hannover
Lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein
Großer Straßenfeger, 2025
verschiedene Materialien bemalt
300 × 30 × 40 cm
Stadtvogel, 2025
verschiedene Materialien bemalt
240 × 70 × 40 cm
Große Krallenbüste, 2025
verschiedene Materialien bemalt
170 × 140 × 40 cm
Leihgaben des Künstlers
Großer Straßenfeger (links) und Stadtvogel (rechts), 2025
Menno Fahls Skulpturen sind bunte, aber auch fremdartige Wesen. Man steht ihnen gegenüber wie einem Menschen, vielleicht einem Tier oder einem Roboter. Dabei haben sie etwas Vertrautes, Poetisches, fast Volkstümliches. Sie lassen an komische, heldenhafte Figuren aus Märchen, Illustrationen, Kinderbüchern und Sagen denken, die uns durchs Leben begleitet haben, an Geschichten und Gedichte. Doch je näher man ihnen kommt, umso mehr erkennt man, dass diese Vertrautheit täuscht, dass die Idee der Figur zerfällt, dass sie doch viel mehr Experimente mit Form, Farbe, Material und Raum sind. Und diese haben ihre Grundlagen auch in der Malerei, in der abstrakten und expressiven Kunst der Moderne und Nachkriegsmoderne, aus der Fahl eine ganz eigene, heutige Kunstform entwickelt.
Fahls Skulpturen, die sich immer auch an der Grenze zur Assemblage bewegen, erinnern an den Konstruktivismus von Kasimir Malewitsch, den Kubismus von Georges Braque und Pablo Picasso zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie an die Formensprache von Wassily Kandinsky und Paul Klee. Und natürlich an die neo-expressive Nachkriegsmoderne nach 1945. Da ist Fahls großer Wahlverwandter, der dänische Maler Asger Jorn, der 1948 zu den Mitbegründern der Gruppe CoBrA gehörte und später starken Einfluss auf die 1957 gegründete Münchner Gruppe SPUR hatte, bei deren Mitglied Lothar Fischer Fahl zu Beginn der 1990er-Jahre in Berlin studierte. Auch in Jorns Werk spielen nordische Sagen- und Fabelwelten und das Volkstümliche eine wichtige Rolle – um die Kunst aus ihrem Elfenbeinturm zu holen.
CoBrA wählte den Namen der Schlange, um in der europäischen Nachkriegsgesellschaft Rebellion und Gefahr zu signalisieren; die Vermengung von Groß- und Kleinschreibung des Namens hat etwas Anarchisches. Zwischen 1948 und 1953 veröffentlichte die Gruppe über zwanzig Zeitschriften und Bücher und schuf einen eigenen, expressiven CoBrA-Stil mit kräftigen Farben, in dem Vögel, Eidechsen und andere Figuren auftauchen. Zugleich war Asger Jorn 1957 einer der Mitbegründer der Situationistischen Internationale, einer Gruppe linker europäischer Intellektueller und Künstler, die sich für die Umsetzung der Versprechen der Kunst im Alltagsleben einsetzten. Sie forderten unter anderem die Abschaffung der Ware, der Lohnarbeit, der Technokratie und der gesellschaftlichen Hierarchien. Ein wesentlicher Gedanke war, statt traditioneller Kunstwerke theoretische oder praktische „Situationen“, zumeist im öffentlichen Raum, zu entwickeln, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Die Künstler von SPUR nannten die abstrakte Malerei einen „hundertfach abgelutschten Kaugummi“. Sie selbst setzten sich in die Tradition des Tachismus, des Dada, des Futurismus und des Surrealismus und forderten statt elaborierter akademischer Diskurse „den Kitsch, den Dreck, den Urschlamm, die Wüste“.
Diese Idee des Rohen, Unverfälschten hallt heute in Fahls Skulpturen nach, ebenso das Einbeziehen des Alltäglichen: von Fundstücken, splittrigen Holzteilen und scharfkantigen Metallstücken, aus denen in Kombination mit Malerei semi-abstrakte, expressive Figuren werden.
Auch die Titel wie Der große Straßenfeger oder Stadtvogel haben etwas Alltägliches, Einfaches, betont Anti-Monumentales. Fahl, der zunächst in Kiel Malerei studierte und auch Landschaften malte, sagte, es sei für ihn wichtig gewesen, den „illusionistischen Raum für den Farbraum aufzugeben“. Seine Malerei hat dabei immer auch etwas Objekthaftes, Reliefartiges, Dreidimensionales, arbeitet mit Assemblage-Techniken und Schichtung.
Man kann sich seine Skulpturen also als eine gegenseitige Durchdringung von Malerei und Skulptur vorstellen, die in den öffentlichen Raum erweitert wird. Während Fahls Skulpturen auf komplexe Zusammenhänge in der Kunst und auf Diskurse der Moderne reagieren, sind sie anti-hierarchisch, spielerisch und poetisch. Auch wenn sie zuallererst Form und Farbe sind, wollen sie eine Begegnung herstellen, es zur Kunst machen.