Max Brück – Stand by me, 2026
Max Brück
* 1991 in Schotten
Lebt und arbeitet in Offenbach am Main und Gießen
Stand by me, 2026
Schwarzstahl
360 × 360 × 100 cm
Leihgabe des Künstlers
„Brio“ heißt die schwedische Holzspielzeugfirma, die in den 1950er-Jahren eine Holzspielzeugeisenbahn auf den Markt brachte, deren Schienen und Waggons so schlicht und klar designt waren, wie man es sich in der Nachkriegsmoderne vorstellte. Die modularen Schienenteile können wie ein Puzzle zusammengesteckt werden, das Holz ist mit Naturstoffen behandelt, ungiftig. Diese ziemlich hochpreisige, handwerklich gut gemachte Eisenbahn verbindet Schönheit mit Funktionalität. Und sie sprach besonders ein Bildungsbürgertum an, das sich nach der Barbarei der Naziherrschaft und dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs nach Ordnung sehnte, eine rationale, demokratische und gebildete Gesellschaft wünschte, die einen modernen Neuanfang wollten, auch im alltäglichen Design – nicht utopisch und radikal, sondern aufgeklärt, funktional und gleichzeitig an gute Traditionen anknüpfend wie das Brio- Stecksystem.
Der Boom um Brio fand dann einen neuen Höhepunkt mit der nächsten Generation in den 1970er-Jahren nach den Studentenrevolten von 1968, in der Zeit, als Holzdesign, Möbel aus Skandinavien, Clogs und vegetarisches Essen im deutschen Mainstream ankamen. Deutschland wurde zum wichtigsten Exportland der Firma. Doch auch damals, in der Ära der Ölkrise und des RAF-Terrors, war es eher eine wohlhabende Klientel, das seine Kinder nicht mit Matchbox-Autos und Plastikpistolen spielen ließ. Heute wird diese Tradition in Manufactum-Kaufhäusern fortgesetzt.
Aufgrund dieser besonderen Geschichte wird Max Brücks Skulptur Stand by me bei einigen Besucherinnen und Besuchern intensive Kindheitserinnerungen auslösen, während andere noch nie etwas von Brio gehört haben. Es hat auch etwas mit Klassenunterschieden und der unterschiedlichen Sozialisierung in Ost und West zu tun. Brück lässt die Steckmodule einer Brio-Eisenbahnunterführung als überdimensionale Stahlformen wiederauferstehen. Doch die Brücke funktioniert gerade nicht – zumindest nicht für den vorbestimmten Zweck. Ein Modul ist zur Seite gefallen und stützt die andere Hälfte wie ein improvisierter Pfeiler – eine prekäre Konstruktion. „Es geht um eine Verbindungsmöglichkeit, die zurzeit nicht stattfindet“, sagt Brück und spricht von den Rissen, die gerade durch die Gesellschaft, durch Nachbarschaften und Gemeinschaften gehen. Tatsächlich sehen die Stahlteile militärisch und nicht pädagogisch wertvoll aus, eher wie selbstgebaute Barrikaden im Straßenkampf.
Dabei geht es ihm in seiner bildhauerischen Praxis darum, Verbindungen zu finden – zur Geschichte, zu Gemeinschaft, Zugehörigkeit und der Vision einer sozialeren Gesellschaft. Sein Interesse gilt sowohl dem persönlichen als auch dem kollektiven Gedächtnis – den Dingen, die bleiben, und jenen, die verschwinden. Aus vorgefundenen Dingen, bestimmten ortsspezifischen Situationen, entwickelt er oft absurd anmutende, aber immer zweckmäßige Skulpturen: eine schlichte Betontreppe, deren Schalbretter unter ihr verbrannt werden, was sie zum Aufenthaltsort macht, eine Ofenbank, die mit Briketts aus geschredderten Finanzamt-Akten Wärme erzeugt. Eine Maschine in seiner Installation Prägung verpresste Altkleider zu Medaillen und untersuchte den Niedergang der Leipziger Baumwollspinnerei und den Sammeldrang, der die menschliche Kultur seit Anbeginn prägt. Immer geht es um den Zerfall von sozialen, kulturellen, ökonomischen Infrastrukturen und um die Dekonstruktion und Umdeutung alter Systeme.
Unter denselben Vorzeichen ist auch Stand by me entstanden. Der Titel spielt auf den gleichnamigen Film (1986) nach einer Geschichte von Stephen King an, in der vier pubertäre, völlig unterschiedliche Jungen aus einer amerikanischen Kleinstadt 1958 in die Wildnis aufbrechen, um die Leiche eines vermissten Gleichaltrigen zu finden. Sie geraten auf der Reise immer wieder in bedrohliche Situationen, unter anderem auf einer defekten Eisenbahnbrücke, die sie unter Lebensgefahr überqueren müssen. Aber sie finden Gemeinschaft und erleben zusammen den prägendsten Sommer ihres Lebens.
Brücks Skulptur ist also mehr als die Metapher für eine gespaltene Gesellschaft. Sie spielt auf einen rechtskonservativen, nostalgischen Gedanken an: dass zu einer vermeintlich heileren, besseren Vergangenheit zurückgekehrt werden muss, als die Gesellschaft noch geordnet, überschaubar, „natürlich“ war, als es noch die „guten Dinge“ gab: Tante-Emma-Läden, Holzspielzeug, D-Mark, lokale Tradition und nationale, weiße Identität. Das wird bei Brück, der eine starke Affinität zum Handwerk hat, im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen geworfen. Stattdessen fragt er, wie man mit der prekären Situation umgehen könnte, ohne es „great again“ zu machen und nicht zu resignieren. „Ich habe mir vorgenommen, diese Arbeit an den Ort zu übergeben“, sagt er. „Für mich ist immer auch wichtig, dass die Arbeiten benutzt werden können, dass dies nicht nur einfach eine Skulptur ist, die ich umlaufen und mir anschauen kann.“
Mit „übergeben“ meint er, dass die Leute mit dieser Skulptur tun können, was sie wollen. Sie können sie sich aneignen und den umgestürzten Teil als Sitzmöglichkeit nutzen, die Biegung der Schiene des anderen Brückenmoduls als Sonnenliege umfunktionieren. Ihn würde freuen, wenn die Skulptur ein Treffpunkt würde. Er nimmt auch in Kauf, dass sie mit Graffiti überzogen oder verschoben wird. Stand by me basiert auf Spielzeug und appelliert an den Spieltrieb. Jede und jeder kennt das: Als Kind hat man sich nicht an Zwecke und Bauanleitungen gehalten, sondern aus verschiedenen Elementen völlig eigensinnige Konstrukte und Welten zusammengebaut – oder sich Legosteine völlig sinnfrei in die Nase gesteckt. Genauso kreativ und erfinderisch muss mit den unterbrochenen Verbindungen, kollabierenden Infrastrukturen und Demokratien umgegangen werden, mit Notlagen, in denen neue solidarische Gemeinschaften gefunden werden müssen.