Martine Seibert-Raken – Once upon a time … Bingen, 2026
Martine Seibert-Raken
* 1965 in Lüneburg
Lebt und arbeitet in Unkel
Once upon a time … Bingen, 2026
Hasendraht, pulverbeschichtet, RAL4010, Metallrahmen
200 x 600 x 100 cm
Leihgabe der Künstlerin
Die Idee zu ihrer Serie Once upon a time kam Martine Seibert-Raken, die in ihrer Jugend auch Leistungssport betrieb, vor Jahren beim Laufen auf dem Venusberg in Bonn. Die Künstlerin, Architektin und Designerin stellte sich ein riesiges Raumschiff, eine futuristische Wolke vor, die auf der weitläufigen Wiese auf dem Hochplateau landet und – wie sie schreibt – als Kontrapunkt zur Erscheinung der Natur „eine utopische Sicht auf die Zukunft eröffnet“. Bei der Umsetzung dieser Vision kam 2015 erstmals dünner Maschendraht („Hasendraht“) zum Einsatz, den Seibert-Raken seitdem als künstlerisches Mittel verwendet. Für sie war das Material vor allem wegen der Fähigkeit interessant, flüchtige, fließende oder im Wachstum befindliche Formen zu bilden – auch wegen des Spiels mit Licht und Schatten, das es skulptural entfaltet. Für die erste Arbeit baute sie ein Gebilde aus vertikalen Metallstäben und unbehandeltem Maschendraht, das als silbriger Hybrid zwischen Wolke, Ufo und Baumgruppe mit der Natur, den Jahreszeiten und den Wetterverhältnissen interagierte. Mit einfachsten Mitteln schuf Seibert-Raken eine Skulptur, die bei jedem Lichteinfall ihre Erscheinung veränderte; auch das Metall verfärbte sich allmählich rostrot, Blätter verfingen sich im Draht und wurden Teil des Objekts.
Die Faszination für Zukunftsszenarien, Kinetik und Transzendenz ist auch durch frühe Begegnungen mit der Künstlergruppe ZERO (1958–1966) um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker angeregt, deren Werke Seibert-Raken bereits als Jugendliche kennenlernte. Einer ihrer Onkel betrieb zu dieser Zeit in Düsseldorf ein Geschäft für Handwerkerbedarf und belieferte Uecker regelmäßig, unter anderem für die Weltausstellung in Osaka. ZERO steht für die Ziffer des Raketen-Countdowns, die Stunde Null im Nachkriegsdeutschland, den Griff nach den Sternen. Die ZERO-Künstler träumten von Aufbruch, der Überwindung der Schwerkraft und einer neuen visionären, interdisziplinären Kunst. Dazu gehörten Happenings, Performances, gigantische aufblasbare Objekte, Licht- und Multimedia-Kunst, Land Art, Malerei mit Feuer und Rauch oder – wie bei Uecker – Raster und geometrische Formen aus Nägeln. Dabei wurden die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur sowie zwischen Künstlichkeit und Natur gesprengt.
Dieser Einfluss ist bei der Serie Once upon a time spürbar. Seibert-Raken setzt ihre kinetischen Drahtskulpturen, die sie bald pink einfärbte, wie Farbwolken oder Explosionen ein und „malt“ mit ihnen in die Landschaft und den urbanen Raum. So auch 2018/2019, als sie in der Löwenburg in Unkel, einem verlassenen historischen Gebäude, pinke, pulverige Drahtwolken aus den Fenstern quellen ließ. Diese Drahtstrukturen lassen an Qualm denken, aber auch an Wildwuchs und Unkraut – an die Natur, die sich das verlassene Haus zurückholt. Seibert-Rakens Arbeiten hinterfragen dabei immer auch indirekt das Verhältnis zur Natur sowie zum urbanen oder sozialen Raum, den sie wie technoide Organismen besetzen. Im selben Jahr ließ sie ihre pinken Strukturen im Rahmen der Kunstbiennale in Venedig auf einem Lastenboot durch die Kanäle fahren, wie fremdartige Passagiere aus einer anderen Welt, oder Rauchgebilde, die aus dem Rumpf des Schiffes quellen.
Zugleich handelt es sich jedoch um abstrakte Strukturen, die die vorgefundene Architektur, die Situation dynamisieren und bei denen es nicht um Narration, sondern um Farbe, Form und Raum geht. „Ich gebe der Farbe eine Vibration, d.h. ich gebe der Farbe eine Struktur“, schreibt Heinz Mack 1958 in seinem Manifest Die neue dynamische Struktur. „Die Exklusivität einer vollständig gegenstandsfreien, dynamischen bildnerischen Struktur, in astronomischer Entfernung zur Natur, wird zum Ausdruck einer reinen Emotion; sie präsentiert sich als eine neue Wirklichkeit, deren geheime Schönheit wir ahnen!“ Diese kühne Idee hallt auch in Seibert-Rakens Projekt für Bingen nach, wo sie im Museum am Strom ihre Drahtstrukturen aus den Fenstern quillen lässt – in einem Gebäude, in dem unmittelbar am Eingang zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal 2000 Jahre Geschichte erlebbar ist. Auch hier bereitet Seibert-Rakens Kunst eine extrem ästhetische Erfahrung und hinterfragt zugleich die alltägliche, konventionelle Wahrnehmung. Nicht nur der glitzernde Strom korrespondiert mit den pinken, alienartigen Organismen; durch die Intervention prallen auch menschliche und geologische Geschichte, Kunst und Natur aufeinander und lassen den Gedanken aufkommen, dass auch unsere Zivilisation nur eine temporäre Erscheinung ist und dass Utopien wie auch Krisen uns erwarten könnten.