Karsten Konrad – Tornos, 2021–2026 und IGM I, 2018

Karsten Konrad

* 1962 in Würzburg
Lebt und arbeitet in Berlin

Tornos, 2021–2026

Verschiedene Materialien
je 205 – 230 cm

IGM I, 2018

Aluminium, Kupfer, Metall, Edelstahl
105 × 210 × 150 cm

Leihgaben des Künstlers

IGM I, 2018
© Karsten Konrad; Foto: David von Becker

Man kann sich Karsten Konrad als einen Künstler-Archäologen-Poeten-Forscher vorstellen, der aus gefundenen, aber auch persönlichen Dingen, benutzten Designobjekten, Sachen vom Flohmarkt oder Objekten, die er geschenkt bekommt, die er auf Schrottplätzen oder an Gebäuden findet, abstrakte, dekonstruierte Kunstwerke baut. Diese Werke können an der Wand hängen, wie Skulpturen im Raum stehen oder ganze Räume ausfüllen. Sie können superelegant, sperrig oder auch volkstümlich aussehen. Meistens reagieren sie auch auf den Raum, sei dies nun ein Museum, eine Galerie, ein Schaufenster, eine öffentliche Institution oder, wie zum Beispiel in Bingen, eine Kirche.

So abstrakt diese Assemblagen, diese Konstruktionen aus gefundenen oder zusammengesuchten Dingen wirken, erzählen sie doch immer etwas, erinnern einen an etwas, sprechen mit den Betrachtenden, dem Raum, der Geschichte. Man kann sich Konrads Konstrukte – darunter auch seine Skulptur IGM I, die 2018 für eine Ausstellung im IG-Metallhaus in Berlin-Kreuzberg entstand und nun am Rheinufer aufgestellt ist – wie eine visuelle, räumliche Sprache vorstellen. Eine Sprache, die sich episch, fast manisch mit Deutschland, dem Erbe der Moderne, der Nachkriegsmoderne und des modernen 20. Jahrhunderts beschäftigt: mit den Ideologien, den Träumen, Revolutionen, Utopien, der Gewalt, den Looks, dem modernen Alltag und der unbewältigten Geschichte, die uns noch bis ins 21. Jahrhundert verfolgt.

Konrad, der Anfang der 1960er-Jahre geboren wurde und mit einer „total designaffinen Mutter“ aufwuchs, die das Haus ständig weiter ausbaute und einrichtete, sagt über sich, dass ihn Räume „emotionalisieren“. In seiner Kunst entwickelt er eine dekonstruierte Formensprache, die vieles auf einmal ist: Kritik, Würdigung, Erinnerung, poetische und analytische Neuformulierung aus der Perspektive eines leidenschaftlichen Moderne-Fans.

Tornos, 2021–2026
© Karsten Konrad; Foto: David von Becker

Seine Werkserie Tornos (griechisch für „gedreht“) entsteht seit 2016 und umfasst inzwischen über siebzig Skulpturen. „Torno“ kann auch eine Drehbank bezeichnen, an der Formen wie Zylinder, Kegel oder Kugeln durch Drehen, Bohren oder Schleifen hergestellt werden. Viele dieser Skulpturen, die bis zu drei Meter hoch wachsen können, erinnern an barocke Stab- oder Säulenformen aus Kirchen, an Volkskunst, Prozessionen und Umzüge. Der erste Torno bestand ausschließlich aus knallbunten Schreibtischlampenschirmen der 1970er-Jahre. Tatsächlich handelt es sich immer um an Gewindestangen aufgefädelte, übereinandergeschichtete Fundstücke ganz unterschiedlicher geografischer und kultureller Herkunft: Schüsseln, Keramikvasen, Mayonnaise-Eimer, Cola-Dosen, Knäufe, Deckel, Flaschen, Blechbehälter – sogar ein Totenschädel von den Días-de-los-Muertos-Feierlichkeiten in Mexiko wurde eingebaut.

Durch diese Kombinationen entstehen stelenhafte Gebilde, die zugleich wie abstrakte Charaktere wirken. Man kann sich die Torno-Gruppe in der Basilika St. Martin wie eine Versammlung unterschiedlicher Menschen vorstellen: vielleicht einen Kirchenchor, einen Chor in einem Brecht-Stück, Sternsinger oder die Akteure eines volkstümlichen Theaterstücks.

Denkt man die angedeutete Drehbewegung allerdings nicht in die Höhe, sondern von oben nach unten, könnten die Stelenformen auch an Bohrkerne erinnern, in denen sich verschiedene Erdschichten sowie geologische oder menschliche Geschichte abbilden. In den Tornos spiegeln sich persönliche und kollektive Erinnerungen wider: abstrakte, vertikale Erzählungen über Wohnen, Sammeln, Reisen, Kultur, die deutsche Nachkriegszeit und den Wunsch, nach dem Horror der Weltkriege und des Holocaust ein modernes Leben zu führen. Und da ist noch ein anderes Bild, das auftaucht: Wie all dieses Moderne wieder alt wird, auf dem Müll landet, auf dem Flohmarkt, all die Dinge, die den Alltag ausgemacht haben, Bedeutung hatten, Form besaßen, benutzt und geliebt wurden. In diesem Sinne lassen sich diese Gebilde auch wie Totems verstehen – als eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zur Welt der Dinge, zu einer Geisterwelt, die ein Künstler bewahrt und beschwört.