Johann Gottfried Schadow – Prinzessinnengruppe, 1796/2025
Johann Gottfried Schadow
* 1764 in Berlin
† 1850
Prinzessinnengruppe, Entwurf 1796/2025
Porzellan
55 × 29 × 19,5 cm
Leihgabe der KPM Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin GmbH
Alle kennen diese empfindsamen Frauenfreundschaften aus Jane-Austen-Filmen oder der Netflix-Serie Bridgerton. In diesen Freundschaften sind Frauen wie Schwestern, die sich alles erzählen, Höhen und Tiefen miteinander teilen, über ihre Gefühle sprechen und gemeinsam für etwas schwärmen. Dieses Ideal trifft heute noch den Nerv der Zeit. Warum auch nicht? Das ist schon seit der Antike so. Doch nein, im Gegenteil – dieses weibliche Freundschaftsideal ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, des Zeitalters der Aufklärung und Empfindsamkeit. Bis dahin gab es nur für Männerfreundschaften eine mythologische, literarische und historische Tradition. Über die Abenteuer, die Ritter oder Helden gemeinsam erlebten, wurde gedichtet, gemalt und gesungen. Die Beziehungen von Frauen waren hingegen vor allem durch Pflichten und Konventionen geprägt. Doch im 18. Jahrhundert erfuhren Frauenfreundschaften eine enorme Aufwertung. Nicht mehr gesellschaftliche Normen, sondern subjektive, feine, auch schwärmerische Gefühle sollten den Ausschlag für eine schwesterliche Verbundenheit geben. Seelenverwandtschaften und „Herzensfreundschaften“ waren nun gefragt. Diese wurden regelrecht kultiviert – in Salons, in der Literatur und in der bildenden Kunst.
Ansicht von außen
Empfindsamkeit war ein Massenphänomen. Zur Leipziger Buchmesse im Jahr 1774 erschien Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werther, in dem sich der sensible Werther wegen der unglücklichen Liebe zu Lotte erschießt. Das Buch löste eine regelrechte Suizid-Welle aus und gehört noch heute zu den erfolgreichsten Romanen der Literaturgeschichte. Damals waren es Menschen aus dem neuentstandenen Bürgertum, jedoch vor allem aus dem Adel, die neue Trends vorlebten. Die „It-Girls“ des Sturm und Drang waren zwei Schwestern aus dem deutschen Hochadel, die erst 17 und 15 Jahre alt waren, als sie berühmt wurden: Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz. Luise, die etwas älter war, heiratete den Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. von Preußen und wurde später Königin, ihre Schwester heiratete dessen Bruder.
Bereits die Hochzeit wurde zum Weihnachtsmärchen und war ein Ereignis für die Massen. Am 22. Dezember 1793 trafen die Schwestern im festlich geschmückten Berlin ein. Am Heiligabend gab Luise im Berliner Schloss ihrem Kronprinzen das Ja-Wort und zwei Tage später heiratete Friederike. Anschließend zogen beide Paare in das Kronprinzenpalais ein. Dort entstand 1796 die berühmte Prinzessengruppe, ein lebensgroßes Doppelstandbild in mehreren Versionen, durch das der Bildhauer Johann Gottfried Schadow die Schwestern in die Kunstgeschichte einschrieb. Schadow, der 1793, im Jahr der Hochzeit, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor geschaffen hatte, zählte zu den großen Künstlern seiner Zeit.
Der preußische Staatsminister Friedrich Anton von Heynitz, der zuvor Minister für Bergbauwesen war und ab 1786 die reformbedürftige Akademie der Künste und die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) leitete, hatte ihn als Bildhauer für das Porträt der Prinzessinnen vorgeschlagen. Mit ihrer Mischung aus antiker Idealisierung und Natürlichkeit traf die Skulptur den Zeitgeschmack – nicht als Schwesternporträt, sondern als Inbegriff der Seelenverwandtschaft und Empfindsamkeit.
Schadow, der sowohl Menschen als auch antike Skulpturen ausmaß, verstand die Erfassung des menschlichen Körpers beinahe wie eine Naturwissenschaft. Er verlieh den beiden Schwestern Grazie und eine zugleich intime, erstaunlich ungezwungene und sinnliche, allegorische Dimension. Wie Johann Wolfgang von Goethes Roman gilt diese Skulptur als bahnbrechender Ausdruck ihrer Zeit.
Nach Schadow, der zunächst verschiedene, fast lebensgroße Versionen in Gips und dann in Marmor schuf, fertigte KPM unter der Ägide des Staatsministers von Heynitz im Jahr 1796 eine verkleinerte Version in Biskuitporzellan an, eine Art Edition, die auch vom Bürgertum erworben werden konnte. Sie wird bis heute von KPM in Handarbeit hergestellt – ebenso wie die Skulptur, die jetzt hier am Rhein steht. Sie verkörpert zwei erstaunlich moderne Frauen und den preußischen Kunstbetrieb, der wusste, wie man Ikonen schafft.