Haleh Redjaian – Underneath the arches, 2026

HALEH REDJAIAN – UNDERNEATH THE ARCHES, 2026
Underneath the arches, 2026
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: David von Becker

Haleh Redjaian

* 1971 in Frankfurt am Main
Lebt und arbeitet in Berlin

Underneath the arches, 2026

Stahl, Kunststoffnetze, Fäden/Garn, Papier
Höhe 250 cm, ø 200 cm

Leihgabe der Künstlerin

Die deutsch-iranische Künstlerin Haleh Redjaian entwickelt in ihren Linienzeichnungen auf Papier, auf handgewebten Teppichen und in ihren raumgreifenden Installationen variable Muster, Raster und Ordnungssysteme, die durch elementare Formen wie horizontale oder vertikale Linien, Dreiecke und Kreise gebildet werden. Ihre abstrakt anmutenden Zeichnungen und räumlichen Arbeiten, die häufig mit Stahlkonstruktionen und Fäden ausgeführt werden, verbinden die geometrische und konstruktivistische Tradition der westlichen Moderne mit Einflüssen der Minimal Art und der Konzeptkunst der 1960er- und 1970er-Jahre sowie persischer und nichteuropäischer Ornamentik.

Immer entstehen ihre Arbeiten im Zusammenhang mit alltäglichen Objekten oder als Reaktion auf architektonische Details und die Umgebung, in der sie produziert und gezeigt werden. Oft nutzt Redjaian für ihre Zeichnungen Papier aus Notizbüchern und Kalendern, in denen sie auf vorgefundene lineare Strukturen reagiert. Redjaians Werke wirken auf den ersten Blick reduziert, präzise, fast mathematisch. Doch die formale Strenge und das Wiederholungsprinzip des Rasters und der Serie werden von ihr gebrochen und mit subjektiven Gesten aufgeladen. Auch das Material widersetzt oder verselbstständigt sich; „Fehler“ oder Abweichungen schleichen sich ein, die die Künstlerin nicht behebt, sondern bewusst als Spur des Schaffensprozesses zulässt.

Die kanadisch-US-amerikanische Künstlerin Agnes Martin (1912–​2004), die mit ihrer minimalistisch anmutenden, von Zen-Buddhismus, Taoismus und christlicher Mystik geprägten Malerei für Redjaians Praxis sicher ein Einfluss ist, sagte einmal: „Viele Menschen glauben, dass so etwas wie soziales Verständnis uns zur Wahrheit führen wird, aber das ist nicht der Fall. Es ist das Verständnis, das du von dir selbst hast. Und um das zu finden, damit anzufangen, es zu suchen, muss man in sich selbst hineinhorchen und sehen, was man denkt. Denn tatsächlich bist du dir deiner eigenen Gedanken nicht bewusst, bis du dich selbst erwischst und verstehst.“

In diesem Sinne ist auch Redjaians repetitive und meditative Kunst zwar mit sozialen Themen beschäftigt, dabei aber ein Werkzeug der Stille und der Selbsterfahrung – sowohl für die Künstlerin als auch für die Betrachtenden. Oft hängen ihre Arbeiten mit der Reflexion von Vergänglichkeit, Verfall und Kontrollverlust, aber auch von Verbindung, Schönheit, Gemeinschaft und Wärme zusammen. So auch Underneath the Arches. Im Englischen ähneln sich das Wort „Arch“ (Bogen) und „Ark“, die Arche. Tatsächlich konstruiert Redjaian in der Kapuzinerkirche St. Laurentius in Bingen, deren schlichter Innenraum architektonisch von Bogenformen, vor allem der Fenster, geprägt ist, eine begehbares, offenes Domzelt, positioniert unter dem arkadenartigen Gewölbe der Kirche.

Die auf bogenförmige Metallgestelle gespannten, in Naturtönen gefärbten Fäden schaffen eine durchlässige und zugleich schützende Architektur, die die Würde des Kirchenraums unterstreicht und sich ihm unterordnet. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung und gegenseitiger Ausgrenzung schafft Redjaian eine Art temporären Zufluchtsort, einen Ort des Innehaltens, des Zusammenhalts, der Begegnung und des Zuhörens. Inspirationen für die Skulptur sind ebenso die Architekturen sakraler Gedenkräume wie auch „Madschlis“, was so viel bedeutet wie „Ort des (Zusammen-)Sitzens“ oder „(Raum der) Zusammenkunft“. Diese Räume haben sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich der islamischen Kultur eine jahrtausendealte Tradition als Orte für soziale Treffen, politische Debatten sowie Unterricht und Diskussion.

Das Innere der Struktur hat Redjaian mit Fragmenten azurblauer, gebrauchter Schutznetze aus den Weinbergen ausgekleidet. Sie stehen für den Schutz der Reben, aber auch für Arbeit, Fürsorge, Gemeinschaft und Vernetzung. In die Knotenpunkte und Zwischenräume der Netze sind kleine Zettel eingearbeitet, für die Redjaian Fragen gestellt hat – „Was verbindet uns?“, „Was hält uns als Menschen, als Stadt, als Gemeinschaft zusammen?“ Schon vor Ausstellungsbeginn trugen Schulklassen, Vereine und Gruppen Antworten bei. Während der Ausstellungsdauer werden Einheimische und Besuchende aller Generationen gebeten, einen Gedanken zu notieren oder eine Zeichnung beizutragen, Teil des Kunstwerkes zu werden – das diese ganz pragmatische Seite hat und zeigt, dass Zusammenhalt nichts Abstraktes ist.

Ansicht von innen

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: David von Becker