Ba Sela – Kern-Konstrukt 8, 2026
Förderpreiskünstlerin der 7. Skulpturen-Triennale Bingen, ermöglicht durch eine zweckgebundene, private Spende.
Ba Sela
* 1996 in Chemnitz
Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main
Kern-Konstrukt 8, 2026
Fliesen, Mörtel, Sperrholz, Supergrund, (Skulpturen 1– 8), Rollrasen
Rautenseitenlänge 317 cm, diagonal 550 cm
Leihgabe der Künsterlin
Jeder kennt diese Plätze in Parks oder öffentlichen Anlagen, an denen gespielt wird: Boule, Schach, Ping-Pong. Manchmal stehen dort Bänke, oder es gibt Tische oder bestimmte Muster, Linien, Einfassungen auf dem Boden. Manchmal sind diese Orte für das Spiel vorgesehen, manchmal werden sie als Spielplatz oder Treffpunkt umgewidmet. Aber immer gibt es eine Art Zentrum, an dem gespielt wird, und dann – genauso wichtig – eine Peripherie, in der sich die Zuschauer sammeln, sitzen, vielleicht auch nur kurz stehen bleiben und dann weitergehen.
Die skulpturale Installation Kern-Konstrukt 8 von BA Sela wirkt auf den ersten Blick wie ein solcher Platz, der vielleicht noch aktiviert werden könnte: Acht sternförmige Objekte stehen auf einer Wiese, in der Anordnung einer Raute. Die Formen erinnern an Modelle von Gebäuden, an reduzierte Hochhäuser. Jede Skulptur ist mit keramischen Fliesen verkleidet, jeweils in einer eigenen Farbe. Sie gehören zusammen, aber keine gleicht der anderen.
Verbunden sind die Skulpturen durch ein geometrisches, rhombenförmiges Netz aus Linien, die sich über den Rasen ziehen. Die Flächen dazwischen bestehen aus verschiedenen Rasensorten – Golfrasen, Fußballrasen, Wildrasen – in unterschiedlichen Längen und Grüntönen. Der angelegte Boden zwischen den acht Skulpturen darf nicht betreten werden. Man soll die Anordnung von Bänken aus betrachten, die an den von der Künstlerin dafür vorgesehenen Stellen installiert wurden. Das Rasennetz ist klar abgegrenzt, aber zugleich so fragil und vielfältig wie die Rasenkulturen, die dort wachsen. Das ähnelt den unterschiedlichen Farbabstufungen der Keramikfliesen auf den miteinander verbundenen Sternskulpturen, den „Uniformen“ der Sterne, wie BA Sela die Hüllen ihrer Skulpturen nennt. Inspiriert sind die Sternformen von Keramikornamenten aus dem Innenbereich des Frankfurter Hauptbahnhofs.
Making of Kern-Konstrukt 8, 2026
© Ba Sela; Video: ArtBeats
BA Sela beschäftigt sich mit alltäglichen Elementen, Architekturen, Designoberflächen und Materialien aus dem städtischen Raum, die sie aus ihrem funktionalen Kontext löst und in ihre Skulpturen sowie Zeichnungen überführt. Dabei schaffen ihre Werke Ambivalenz – zwischen vertrauter Nähe und kühler Distanz, zwischen Stabilität und Verletzlichkeit. Den Zustand, der durch ihre Installation erzeugt wird, bezeichnet sie als „eine kontrollierte Instabilität“, die Ordnung und Abweichung gleichermaßen beinhaltet. Das erinnert sehr an den augenblicklichen Zustand der Welt: das Verlangen nach Ordnung und Stabilität und die gleichzeitige Sehnsucht nach einem möglichen Ausbruch aus verordneter Einheit.
„Was passiert, wenn man ein System betritt, dessen Regeln niemand kennt?“, fragt die Künstlerin. „Was bedeutet es, Teil eines Spiels zu sein, in dem nicht klar ist, wer spielt und wer zuschaut?“ Das hat sowohl politische, kollektive als auch ganz individuelle Aspekte.
BA Sela
Foto: Vlada Scholkina
In diesem Sinne soll man das „Kernkonstrukt“, dessen Zusatzzahl 8 die Ewigkeit symbolisiert, zwar nicht physisch betreten, sich aber durchaus geistig oder seelisch auf diese Konstellation einlassen. Sterne strahlen, verglühen. Sie sind Symbole für Hoffnungen, Ausdruck innerer Energien, aber auch von Vergänglichkeit. Sie verkörpern unser Verlangen nach Sinn, Transzendenz, kosmischer Verbundenheit. Wir deuten Sternenbilder am Himmel, versuchen, unsere Zukunft, unser Schicksal in den Sternen zu lesen. Zugleich verbauen wir uns die Sicht auf sie.
In ihrem 2009 erschienenen Buch A Paradise Built in Hell untersucht die amerikanische Essayistin und Kulturwissenschaftlerin Rebecca Solnit ein historisches Phänomen, das nach verheerenden Katastrophen auftritt: Menschen beginnen, sich gegenseitig zu helfen, überwinden Gegensätze, improvisieren und bilden utopische, selbstlose Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften zerfallen jedoch wieder, wenn „Normalität“ einkehrt. Doch ist unsere alltägliche Wahrnehmung wirklich normal? Während des Hurricane Katrina an der US-Golfküste, schreibt Solnit, kam es 2005 zu einem Phänomen, das die Menschen trotz ihrer dramatischen Lage ins Staunen versetzte. Der totale Stromausfall führte zu völliger Dunkelheit und dazu, dass die Lichtverschmutzung, die sich vor allem in großen Städten wie Smog über den Nachthimmel legt, mit einem Schlag verschwand.
In den von Katastrophen getroffenen Städten fanden sich die Menschen plötzlich unter einem funkelnden Sternenhimmel wieder, an dem selbst weit entfernte und winzige Details noch mit bloßem Auge erkennbar waren. „Man kann sich die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung ähnlich wie dieses künstliche Licht vorstellen: eine andere Art von Energie, die in der Katastrophe versagt“, schreibt Solnit. „Aber die Konstellationen von Solidarität, Altruismus und Improvisation sind in den meisten von uns vorhanden und kommen in diesen Zeiten wieder zum Vorschein.“
Es geht also in BA Selas Werk weniger um die Symbolik der Sterne als um den Versuch, Ordnungen zu schaffen, zu erkennen, zu brechen oder neue, gemeinschaftliche Spielregeln zu definieren. Dafür schafft sie ein Spielfeld des Denkens über Verbindung. Es lädt dazu ein, aus der Distanz zu erkennen, wie sich scheinbar feste Systeme stets neu justieren, erschüttert werden und vielleicht sogar die Chance nutzen, sich zu verbessern.