Nadine Schemmann – Matronengeflüster (Erde, Wind, Wasser), 2026
Nadine Schemmann
* 1977 in Solingen
Lebt und arbeitet in Berl
Matronengeflüster (Erde, Wind, Wasser), 2026
Leinen, Ölfarbe, Tusche
Installation ca. 750 × 150 × 150 cm
Leihgabe der Künstlerin und Galerie Norbert Arns, Köln
Sieht man den alten Binger Rheinkran mit seinem Kuppeldach und dem hölzernen, mit Blei beschlagenen, in den Himmel ragenden Kranarm nicht als Architektur, sondern als einen Körper an, hat das einen fast psychedelischen Effekt. Nadine Schemmanns skulpturale, malerische Intervention Matronengeflüster, die gefärbte, gebleichte, in Farben zerfließende Stoffarbeit, die an dem Kran zwischen Erde und Wasser in der Luft hängt, vermittelt etwas sehr Mächtiges, Weibliches. Was da oben am ausgestreckten Lastenarm dieses Gebäudes hängt, das über Jahrhunderte vor allem mit männlichen Tätigkeiten, Technik, Logistik und Schifffahrt verbunden ist, gleicht einem Kleid oder einer Haut, die abgelegt wird. Schemmanns Intervention ist völlig abstrakt, lässt aber auch an alchemistische Symbole denken, an alte Stiche, auf denen Skelette ihre Haut wie ein Gewand über den Arm gelegt halten. Dieser Akt der Entkleidung hat zugleich etwas Metaphysisches, als würde ein Vorhang zur Seite gezogen und der Blick geschärft für das, was dahinter liegt. Auf gewisse Weise fügt diese Skulptur also nichts hinzu, sondern nimmt etwas weg – so, als ob man einem Landschaftsgemälde seinen illusionistischen Charakter nimmt. Es geht nicht nur um die Stoffarbeit, sondern um „das ganze Bild“, um die Realität, die nicht nur bewusster, sondern emotionaler, psychischer, feiner, vielleicht auch feinstofflicher wahrgenommen werden soll.
Schemmanns Arbeiten kann man sich als Resonanzen von Begegnungen, Gesprächen und Momenten vorstellen. Die Berliner Künstlerin ist Synästhetikerin. Etwa vier Prozent aller Menschen leben mit diesem neurologischen Phänomen, bei dem Sinnesreize wie Töne, Buchstaben oder Zahlen gleichzeitig andere Sinnesempfindungen wie Farben, Formen oder Geschmäcker auslösen. Das hilft ihr, die verschiedenen Elemente einer Begegnung – Geräusche, Gefühle und Farben – in Skulpturen und Bildern zu fassen. Dafür arbeitet sie mit großformatigen Stoffen, die sie oft auf den Boden legt und auf denen sie verdünnte Ölfarbe und Chlorbleiche zerfließen lässt, Formen und Farbsphären bilden. Während die Übergänge zwischen den Farben oft extrem fein und kaum erkennbar sind, werden die finalen Arbeiten in der festgelegten Größe zusammengenäht, wobei die Nähte und Kanten klare Abgrenzungen bilden. Schemmanns Werke werden nicht immer auf Rahmen gespannt, sondern hängen auch wie Stoffskulpturen frei im Raum.
Viele Aspekte dieser Form der Malerei erinnern an den Abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit, in der New Yorker Künstlerinnen und Künstler wie Jackson Pollock, Helen Frankenthaler oder Mark Rothko mit Gesten, Farbschüttungen, „Action Painting“ und Schwammtechniken experimentierten, um eine transzendente, „erhabene“ Malerei zu erzeugen. Sicher gibt es in Schemmanns Werk auch Verbindungen zu dieser Tradition. Allerdings ist sie als Künstlerin mehr an den Zwischenräumen interessiert: an dem, was frei von Farbe bleibt, an dem, was durch Schnittkanten und Nähte abgeschnitten wird, außerhalb des „Bildes“, liegt. Man könnte sagen, Schemmann nutzt die Materialität der Malerei oder der Skulptur, um etwas Immaterielles, eine andere Form von Realität, fassbar zu machen. Im Falle ihrer Stoffarbeit in Bingen geht es um die ständig wechselnden Konstellationen zwischen den Elementen Erde, Himmel und Wasser, die Teil eines sich kontinuierlich verändernden Prozesses sind und dennoch immer verbunden bleiben.
Es geht aber auch um den Nachhall von Zeit und Geschichte. „Matrone“ ist heute ein altmodisches Wort für eine oft dicke, mütterliche, dominante und als unattraktiv empfundene Frau, die ihre Umgebung, vor allem Männer, unterdrückt und der dabei jegliche „weiblichen“ erotischen Reize fehlen. Ganz anders als bei der Loreley, deren Sage der Dichter Clemens Brentano 1800 in einer Ballade zum Leben erweckte. Der „Lurleifelsen“ war wegen der gefährlichen Strömung und eines Echos im Mittelalter von Sagen umwoben. Von einer schönen Zauberin, die vorbeifahrende Matrosen ins Verderben zieht – mal eine unschuldige Jungfrau, dann wieder eine Femme fatale –, war nie die Rede. Im Mythos der Loreley, die sich vor ihrer Verbannung vom Felsen in der Nähe von Bingen in den Tod stürzt, vereinen sich Eigenschaften von Wasserfrauen, Dämonen und Hexen zu einem patriarchalischen Bild der „gefährlichen“ Frau, das bis ins 20. Jahrhundert kultiviert wurde.
Das Matronengeflüster bezieht sich auf nichtchristliche Muttergottheiten der römischen, germanischen und keltischen Religionen. Sie sind einzig durch Inschriften und bildliche Darstellungen bekannt; antike Schriftquellen zu ihnen fehlen. Dargestellt wurden sie als Schutzgöttinnen in Form einer sitzenden Dreiergruppe auf Votivsteinen, den „Matronensteinen“, und Altären, die in den Gebieten der ehemaligen römischen Provinzen entlang des Rheins gefunden wurden. Schemmann widmet diesen alten Göttinnen kein Denkmal, sondern beschwört ihre matriarchalische Energie als Flüstern, indem sie einen freien Raum zwischen der Materie, dem Stoff und uns, den Betrachtenden öffnet – einen Raum, den wir aber nicht ermessen, sondern lediglich mit unseren Vorstellungen füllen können.
Auch interessant: Interview mit Nadine Schemmann auf weltkunst.de