Hannah Hallermann – SK ADJUSTER, 2026 und FREEDOM/EQUALITY, 2023

Hannah Hallermann

* 1982 in Nürnberg
Lebt und arbeitet in Berlin

SK ADJUSTER, 2026

Silberner, hydrogeformter Edelstahl, Scharniere
240 × 235 × 210 cm

FREEDOM/EQUALITY, 2023

Gummibänder, Stahl, Lack
90 × 180 × 2 cm

Leihgaben der Künstlerin

SK ADJUSTER, 2026
© Hannah Hallermann; Foto: David von Becker

Kann es sein, dass große Teile der Gesellschaft seit der Pandemie damit begonnen haben, mit Scheuklappen zu leben? Scheuklappen, weil man nicht nach rechts oder links schauen will, weil einen eine andere Meinung oder Fakten auf die Palme bringen, aus der Bahn werfen? Vielleicht muss man sie aufsetzen, weil dieser Overload aus Aggressivität, Hass, Grausamkeit und Katastrophenmeldungen nicht mehr auszuhalten ist, man einfach abschalten und sich auf das private Leben konzentrieren möchte. Dieses Spannungsfeld zwischen Fokussierung und Klarheit bis hin zu Ausblendung und Wegsehen thematisiert SK ADJUSTER, die zweiteilige Skulptur der Berliner Künstlerin Hannah Hallermann: zwei riesige, eingedrückte, metallisch schimmernde Formen, die an Kühl-Pads, Infusionsbeutel, Kissen oder Getränkeverpackungen erinnern, die als Scheuklappen zurechtgedrückt wurden. Aufrecht stehen sie nebeneinander am Rheinufer, elegant und ein bisschen wie Rettungskapseln. Die Metallhülle wurde nach dem Zusammenschweißen von Hallermann an einem Gabelstapler auf dem Hof ihres Ateliers aufgehängt und mit Hunderten von Litern Wasser aufgepumpt, um diese Formen so zu realisieren.

FREEDOM/EQUALITY, 2023
© Hannah Hallermann; Foto: David von Becker

Ihre ADJUSTER machen den inneren und äußeren Druck, der im Moment auf der Gesellschaft und jedem Einzelnen lastet, physisch spürbar. Zugleich fordern sie zur Aktion auf. Die Skulpturen haben zumeist Scharniere, mit denen sie sich drehen und ausrichten lassen. Man kann betrachtend um sie herum gehen, sich zwischen sie stellen, sie wie eine Art Schutzhütte zueinander ziehen, das Sichtfeld so weit wie möglich schließen. Oder ihren Winkel erweitern, sodass die Sicht wie im Kino wird: ein Panorama, aber mit Eingrenzungen. Wie viel möchte ich sehen? Wie viel möchte ich, andersherum, gesehen werden? Man justiert den Blick und entscheidet. Man übernimmt, wie Hallermann sagt, „Verantwortung für die eigene Position“. Die Benutzer*innen passen die Skulpturen ihrem Blick an. Die Skulpturen, das betont Hallermann, sind Tools. Und natürlich spielen sie auch als bildhauerische Objekte mit Leere, Volumen, Gewicht und Proportionen. Trotz ihrer Eleganz haben sie etwas Prekäres, Verbeultes. Hallermanns reduzierte Formen sind wie ihr gesamtes Werk von Post-Minimal und Concept Art geprägt. Doch zugleich lädt Hallermann die reduzierte, industriell wirkende Skulptur psychologisch und gesellschaftspolitisch auf. „Ich finde es interessant, unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen und zu hinterfragen, wie man verschiedene Wahrnehmungen verbinden kann. Daran schließt sich meist auch eine Aufforderung an, die Dinge mitzugestalten.“

Nicht ganz ohne Symbolik blickt man von ihrer Skulptur auf das patriotische Niederwalddenkmal auf der anderen Seite des Rheins, auf dem die 12,5 Meter hohe Statue der Germania thront. Viele Deutsche, viele Europäer empfinden gerade ein neues Nationalbewusstsein, wollen zurück zu festen Grenzen, zu einer traditionellen und unumwunden rechten Weltsicht. Andere treibt dieser Rechtsruck in die Apathie und Isolation. Hallermann selbst versteht ihre Doppelskulptur nicht als Metapher für politische Zustände, sondern als Instrument, um aktiv in die Politik der Aufmerksamkeit einzugreifen. Das heißt eben nicht nur, die Symbolik des Denkmals, sondern alles andere deutlicher wahrzunehmen: den Blick neu auszurichten, in Zeiten der medialen Überforderung, sich auch zurückzuziehen, um weiter eigenständig denken und handeln zu können. „Wir leben”, sagt Hallermann, „in vielen gesellschaftlichen Bereichen in einer extremen Umbruchzeit, sei es in der Technologie oder in moralischen, ökonomischen und politischen Fragen.“ Das 2022 veröffentlichte Buch zu ihrer Arbeit trägt den Titel Tools and Tales for Transformation. Dazu sagt sie: „Transformation ist nahezu ein Modewort geworden. (…) In meinem Verständnis ist dieser Begriff wie ein leeres Gefäß: Es kommt darauf an, wie es gefüllt wird.“

Das zeigt auch ihre Schriftarbeit FREEDOM/EQUALITY in der Binger Kapuzinerkirche. Die Wandinstallation besteht aus einer Reihe von gespannten Gummibändern, auf denen die Worte „Freedom“ und „Equality“ zu lesen sind, immer wieder mit anderen Präpositionen: UN–OF–IN–OF. Kleine Verschiebungen, die Fragen unserer Zeit berühren: die Frage, ob völlige Gleichheit eine totalitäre Diktatur bedeutet oder die Erfüllung einer Utopie ist. Oder die Frage, ob eine negative Freiheit funktioniert, die dadurch eintritt, dass man frei *von* etwas ist – anderen Ansichten, Migranten, Steuern. Oder die positive Freiheit: eine Freiheit, die entsteht, indem man sich *für* etwas einsetzt, etwa für medizinische Versorgung, Bildung, gerechte Bezahlung, Gleichheit vor dem Gesetz – alles Voraussetzungen für Demokratie. Hannah Hallermanns Werke sind dabei nicht belehrend oder urteilend. Sie fordern uns auf, aus unserer Komfortzone herauszutreten, in die Realität, ins Ungewisse.