Lena Marie Emrich – Talk of the Town, 2024

Lena Marie Emrich

* 1991 in Göttingen
Lebt und arbeitet in Göttingen und Brüssel

Talk of the Town, 2024

Modulares System aus acht Gossip Chairs, 2024
HIMACS, verzinkter Stahl
500 x 500 x 70 cm

Leihgabe der Künstlerin

Something’s comin’ over, hmm-hmm
Something’s comin’ over, hmm-hmm
Something’s comin’ over me.
My baby’s got a secret.

Madonna, Secret, aus Bedtime Stories, Maverick Records (1994)

Mit dem Aufstieg Hollywoods, der Medienindustrie und der Regenbogenpresse begann eine Vermarktung des Klatsches. Heute bildet Gossip eine globale, gnadenlos durchkommerzialisierte Aufmerksamkeitsindustrie, an der alle teilnehmen können. In den Mainstreammedien, auf sozialen Plattformen oder in Podcasts generieren Medienprofis und Amateure gleichermaßen virale Gerüchte, Fake News, Verschwörungstheorien – und schaffen enormes monetäres und symbolisches Kapital. Nicht nur Summen in Milliardenhöhe, sondern auch Status, Trends, Jobs, Hype. In den „unabhängigen Medien“ können im Plauderton Wahlkämpfe gewonnen, Gesellschaften gespalten, anonyme Leben massenhaft ruiniert werden. Klatsch folgt immer ausgefeilteren Spielregeln und wird in Echtzeit in der Öffentlichkeit ausgetragen.

In diese ambivalente Geschichte des Klatsches, stößt die Bildhauerin und Künstlerin Lena Marie Emrich mit ihrer Installation Talk of the Town vor, einem modularen System aus Gossip Chairs: skulpturalen Sitzinseln aus Acryl mit natürlichen Mineralien und Pigmenten und feuerverzinkten Stahlrohren, die wie filigrane Gerüste für soziale Interaktion im öffentlichen Raum platziert sind. Dabei ist diese Arbeit auch eine Exkursion in die Gestaltungsgeschichte der Designs und Architekturen, in die Klatsch eingebettet wird. Jedes Modul – ob Zweisitzer oder wie eine Schlangenlinie geschwungene Dreierformation – erzeugt ein Szenario, das Nähe, Vertrautheit geradezu erzwingt. Denn auf den Gossip Chairs sitzt man quasi mit dem Mund am Ohr der Nachbar*in.

Diese Sitze sind keine neutralen Möbelstücke, sondern Architekturen, die Begegnungen formen. Emrich, die auch als Szenografin und Kostümbildnerin für Theater wie die Berliner Schaubühne arbeitet, schafft eine stilisierte Bühne für den Klatsch: Wer Platz nimmt, wird Teil einer Choreografie des Austauschs: Geheimnisse, Halbwissen, Anekdoten und Absichten werden wie bei einer „Stillen Post“ über Steinsitze und Metallbahnen weitergeleitet.

In Emrichs Gossip Chairs hallen die unterschiedlichsten Stile nach. So etwa das Design von Konversationsstühlen, die oft als Tête-à-tête (französisch für „Kopf an Kopf“), „Klatschbank“, „Vis-à-vis“, oder im viktorianischen Großbritannien als „Conversation Pieces“ bezeichnet wurden. Diese meist S-förmigen Sofas oder Sessel aus dem 19. Jahrhundert waren im historisierenden Louis XVI-Stil gehalten und ermöglichten intime, diskrete Gespräche oder Flirts in bürgerlichen Salons. Bei Emrich überlagert sich dieses Echo mit dem Denken und der Ästhetik von modernen Designerinnen wie Eileen Gray (1878–1976). Gray, die auch Architektin war, nutzte in ihrem ultra-reduzierten, minimalistischen Haus E.1027 an der Cote d’Azur geometrisch-abstrakte Raumteiler für eine Inszenierung, die bei aller Funktionalität das Uneindeutige, Verspielte, Geheimnisvolle liebte.

Natürlich vermitteln Emrichs Entwürfe auch die Sensibilität der Post-Minimal und Concept Art. Besonders prägend ist dabei die deutsche Künstlerin und Bildhauerin Charlotte Posenenske (1930–1985) und deren demokratischer Kunstbegriff. Posenenske schuf minimale, modulare Raumskulpturen aus industriell hergestellten Elementen. Wie bei ihr sprechen auch bei Emrich die Praxis und das Material eine konzeptionelle und gleichermaßen sensible, auch poetische Sprache.

Als sie 2024 mit dem Preis des Kunstvereins Hannover ausgezeichnet wurde, präsentierte Emrich Talk of the Town auf der Straße vor der Institution, wobei man mit einem QR-Code sechzehn Textreferenzen zur Arbeit und der Gossip-Recherche aus ihrem digitalen Archiv abrufen konnte. Mit dabei waren unter anderem Texte und Manifeste von Minimal-Künstlerinnen wie Posenenske oder Hanne Darboven (1941–2009), aber auch von der Autorin Clarice Lispector (1920–1977) oder der Aktivistin und Poetin Audre Lourde (1934–1992).

„Poesie ist die Lücke, der leere Raum, der fast unsichtbare Riss im Wasserglas vor dir.“, sagt Emrich in einem Gespräch mit der Kuratorin Anaïs Lellouche. In diesem Sinne oszilliert ihre künstlerische Arbeit zwischen poetisch-konzeptioneller Reflexion und sozialer Praxis. Es geht um Zwischenräume, Leerstellen, zwischen Intimität und industrieller Härte, dem was geteilt oder verschwiegen wird, zwischen dem Material, dem Text und dem, was unsagbar oder unsichtbar bleiben muss.