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Pierre Granoux

*1963 in Gap, Frankreich
Lebt und arbeitet in Berlin

READYWEB: HÉRISSON, 2012-20

MARCHANDESSES, 2020



Die beiden Kunstwerke, mit denen der aus Südfrankreich stammende Künstler Pierre Granoux auf der Triennale in Bingen vertreten ist, beziehen sich auf den französisch-amerikanischen Künstler Marcel Duchamp (1887–1968). Dieser hatte zwischen 1913 und 1919 einen Flaschentrockner wie auch andere industriell gefertigte Objekte in Läden gekauft und allein durch den künstlerischen Akt der Auswahl sowie, bei einzelnen Werken, des Signierens und der Präsentation zu einem Kunstobjekt transformiert. Dadurch erweiterte Duchamp wegweisend den Kunstbegriff von einem Produkt der handwerklichen Herstellung hin zum intellektuellen Entwicklungsprozess des Künstlers. Den Begriff des Readymades (ready-made = Fertigware) benutzte Duchamp zum ersten Mal 1916 in einem Brief an seine Schwester. Der Mangel an Einmaligkeit des Readymades war ein wichtiger Aspekt für den Künstler, dem zufolge eine Replik – eine vom Künstler oder seiner Werkstatt angefertigte Kopie eines bereits erschaffenen Werkes – die gleiche Botschaft übermittelt wie das Original selbst.

Auch Granoux interessiert sich für die Frage nach Original, Kopie und Reproduktion und besonders für Editionen, die grundsätzlich die Frage aufwerfen, ob ein Kunstwerk ein Unikat sein kann und soll. Schließlich weist doch jedes Exemplar einer Edition kleine visuelle Abweichungen auf und unterscheidet sich mindestens dadurch, dass es zu einem anderen Zeitpunkt entstanden ist als die anderen Versionen.

Mit seinem Werk „READYWEB: HÉRISSON“ referiert Granoux auf Duchamps Readymade „Port-bouteilles“ und dessen Vervielfältigbarkeit. Seine Beschäftigung mit Duchamps Schlüsselwerk begann um 2006, als er über Jahre im Internet Bilder von Flaschentrocknern sammelte und eine Auswahl von 1500 Stück (in römischer Schreibweise MD als weiterer Bezug auf Marcel Duchamp) in einem Buch unter dem Titel „READYWEB: HÉRISSON“ publizierte. Im Sinne einer skulpturalen Erweiterung seiner konzeptuellen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk erschuf Granoux insgesamt 28 Exemplare der „Porte-bouteilles“ in Anlehnung an die Anzahl der Duchamp’schen Exemplare. Duchamps Werk gibt es in etwa 25 „originalen“, vom Künstler autorisierte Fassungen; alle Ursprungsversionen seiner Readymades gingen verloren oder wurden weggeworfen und sind lediglich durch Fotografien übermittelt. Granoux legte seiner Edition ein neues Konzept zugrunde: Er kaufte 16 gebrauchte Flaschenständer, die neu feuerverzinkt wurden. Zusätzlich legte er eine Auflage von acht neu zu produzierenden Exemplaren plus zwei Künstlerexemplaren fest. Dafür rekonstruierte der Künstler in einem Prozess des „Reverse Engineering“ die Maße des Originals auf der Basis von Abbildungen und ließ zwei Prototypen bauen. Das Kunstwerk Granoux‘ ist in der handwerklichen Produktion also wesentlich teurer als das fertige Massenprodukt, mit dem Duchamp arbeitete. Indem Granoux dabei ein bereits bestehendes Werk eines anderen Künstlers zitiert, treibt er ganz in der Tradition der Appropriation Art (appropriation = Aneignung) die Fragen nach Originalität, Authentizität und Autorschaft weiter auf die Spitze.

Auch die Straßenschilder seines Werkes „MARCHANDESSES“ hat Granoux als Edition entworfen. Inspiriert wurde er durch die Pariser Straßenschilder der Rue Marcel Duchamp. Zum einen war auf einem der Schilder der Name des Künstlers falsch mit der Endung des -s im Nachnamen gedruckt, was fast schon wie eine Duchamp’sche Intervention erscheint. Schließlich ist der französische Künstler bekannt für seine gewitzten wie komplexen Sprachspiele, so hatte dieser beispielsweise 1919/20 das Pseudonym Rrose Sélavy angenommen, das in französischer Aussprache wie „Eros, c’est la vie“ klingt (Eros, das ist das Leben). Zum anderen erschien es Granoux als ironisch, dass ausgerechnet der Künstler, der sich noch in seinen Zwanzigern von der Malerei abwandte und als Gründer der Konzeptkunst gilt, auf dem Straßenschild als „Maler und Zeichner“ bezeichnet wird. So spielt Granoux in den drei Straßenschildern mit dem Prinzip der Berufsbezeichnung und lehnt seine Erfindung des „Flaschentrockners“, „Reisebildhauers“ und „Staubzüchters“ an die Titel von Kunstwerken Duchamps an („Porte-bouteilles“, „Sculpture de voyage“, Élevage de poussière“). Indem diese Schilder an der Rheinpromenade, am Bürgermeister-Neff-Platz und in der Kaufhausgasse platziert sind, wird Duchamp ebenso wie Stefan George, Johann Wolfgang von Goethe und Paul von Hindenburg die Ehre zuteil, dass im Binger Stadtraum an ihn erinnert wird.

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