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Nofretete (Replikat)

Büste der Nofretete (Replikat), 2007



Majestätisch blickt Nofretete aus dem Pegelhaus heraus über den Rhein in die Rüdesheimer Weinberge. Egal in welchem Umfeld, die Eleganz und Anmut der Büste der altägyptischen Königin ist immer aufsehenerregend. Natürlich handelt es sich bei dieser Fassung nicht um das Original aus dem Neuen Museum in Berlin (dessen Versicherungswert vor einigen Jahren mit 390 Millionen Dollar angegeben wurde und dessen Marktwert vermutlich noch einiges darüber liegen dürfte), sondern um ein 2007 gefertigtes Replikat aus der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. Die neuesten Repliken, die seit 2015 hergestellt werden, kann jeder Interessierte für 8.900 Euro im Webshop der Staatlichen Museen Preußischer Kunstbesitz erwerben. Man muss nur ein wenig Geduld mitbringen, denn Herstellung und vor allem Bemalung dauern mehrere Wochen.

Nofretete war die Hauptgemahlin des Königs Echnaton und von herausragender Schönheit, woran weder die Büste, die vor über 3300 Jahren von dem Bildhauer Thutmosis aus Kalkstein, Gips, Wachs und Bergkristall geschaffen wurde, noch ihr Name, der übersetzt „Die Schöne ist gekommen“ bedeutet, zweifeln lassen. Unter der Leitung des Ägyptologen Ludwig Borchardt wurde 1912 diese weibliche Büste mit elegantem Schwanenhals und dem Gesicht einer stolzen, selbstbewussten und eben schönen Frau ausgegraben. Borchardt schrieb, ihr Gesicht sei „der Inbegriff von Ruhe und Ebenmaß“, das „Porträt das feinste und durchgearbeitetste“, das er kenne. 1920 überließ James Simon, der die Grabungen finanziert hatte, die Büste als Dauerleihgabe dem Ägyptischen Museum in Berlin, wo sie schnell zu einem der bekanntesten und beliebtesten Kunstwerke in deutschen Museen wurde.

Bereits 1913/14 ließ James Simon in der Gipsformerei der Berliner Königlichen Museen, die 1819 durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. gegründet worden war, zwei Kopien anfertigen, eine für sich, die zweite für Kaiser Wilhelm II. (der sie sogar in sein Exil nach Holland mitnahm). 2019 wurde bei dem Berliner Auktionshaus Grisebach eine zwischen 1947 und 1957 entstandene Kopie für 13.000 Euro versteigert. Aufgelistet war das Objekt unter dem Namen Tina Haim-Wentscher, der Bildhauerin, die bereits 1913/14 die ersten beiden Nachbildungen ausgeführt hatte. Sie war es auch, die 1921 eine Vorlage schuf, so dass originalgroße Kopien in der den Museen angegliederten Gipsformerei in Serie hergestellt werden konnten. Das versteigerte Objekt ist also nach dem Krieg mit Hilfe dieser Vorlage produziert worden und das Interesse der Käufer zeigt, dass unter bestimmten Umständen selbst einer Kopie ein Marktwert und eine eigene „Identität“ zugeschrieben werden kann. Noch nie konnte allerdings die Büste so originalgetreu nachgeformt werden wie in der seit 2015 hergestellten Fassung. Zum einen wurde das Bildwerk mit Hilfe eines berührungsfreien Scanners dreidimensional erfasst, anschließend in ein zunächst virtuelles Modell aus Tausenden von Einzelpunkten umgewandelt und dann in einem 3D-Drucker Schicht für Schicht aufgebaut. Zum anderen hat das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen anhand hochaufgelöster Bilder die verschiedenen Farbwerte ausgewertet, die wiederum den Malern der Gipsformerei als Basis für die Kolorierung mit originalen Pigmenten in traditionellen Techniken dienen.

Sammlungen mit maßstabsgetreuen Gipsabgüssen antiker Skulpturen gab es bereits seit dem späten 17. Jahrhundert. So konnten die Studierenden der Kunstakademien ihre Zeichenkunst an deren Vorbild schulen, um ihnen, so der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini, „die Idee des Schönen beizubringen, an die sie sich dann ihr ganzes Leben halten können“. Den Abgüssen wurde dabei eine eigene künstlerische Qualität zugestanden, die vor allem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert oft höher angesehen wurde als die der Originale aus Marmor und Bronze, deren Oberfläche sich wesentlich unruhiger darstellte als die des reinweißen Gipses. Erst im 20. Jahrhundert wandelte sich wieder die Bewertung der Gipsabgüsse, die nun nicht mehr als die „wahre Schönheit“, sondern lediglich als „tote Form“ verstanden wurden. 2012 zeigte der Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann anlässlich der Neupräsentation der originalen Nofretete-Büste im Neuen Museum in Berlin einen 3D-Scan der Originalskulptur, in schrill-bunten Farben und schielend bemalt, ausgestellt in der Mitte der Neuen Nationalgalerie in einer Replik der Originalvitrine. Feldmann, der auch schon dem David des Michelangelo ein poppig-farbiges Äußeres verliehen hat, spielt hier mit den Bedeutungen und Vorstellungen von Original und Kopie, von Kunst und Kitsch.

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